Gegen Lethargie und Resignation

Eigentlich bin ich mittlerweile abgestumpft, wenn es um Repression oder Riots geht. Schüttel vielleicht noch mal resigniert den Kopf, wenn es wieder mal eine Fangruppe dank extra langer Busdurchsuchung erst deutlich nach Anpfiff ins Stadion geschafft hat. Gestatte mir – unabhängig meiner persönlichen Einstellung gegenüber Eierschaukelei und Sinnlosaktionen – ein „das habt ihr jetzt davon“ in Richtung Staat und Verbände, wenn sich statt über Chants und Choreos zunehmend anderweitig gemessen wird. Im Vergleich zu dem, was z. B. in Syrien oder der Türkei abgeht, erscheint es unmoralisch, sich wirklich über die Veränderungen unserer Fankultur aufzuregen. Trotzdem ist mir heute Morgen beim Zeitunglesen fast das leckere Knuspermüsli im Hals steckengeblieben.

Aufreger No 1: dem Bundesvorsitzenden der deutschen polizeigewerkschaft, ernst g. walther, geht das BGH-Urteil nicht weit genug. Er wünscht sich „ein solches Urteil auch gegen gewalttätige Fans, die bei der An- oder Abreise Sachen zerstören oder beschädigen und unbeteiligte Menschen oder Polizeibeamte verletzen“. Mal ganz abgesehen davon, dass solch verbaler Unrat in der Regel als Testballon gedacht ist (kennen wir ja zur Genüge von CSU und AfD), kapiere ich einfach nicht, wie sich ein Bundesgerichtshof so kurz nach der vernünftigen Entscheidung in Sachen SV Wilhelmshaven nun gemein macht mit der existenzgefährdenden Paralleljustiz eines verkrusteten, lebensfernen und korrupten Fußballverbandes.

Aufreger No 2: oliver mintzlaff (nein, nicht Tetzlaff, obwohl das von den Äußerungen her passen würde), Vorstandschef von rb leipzig, gibt sich als Donald Trump des Fußball und bekommt leider viel zu viel Raum in meiner eigentlich linksliberalen Frankfurter Tageszeitung eingeräumt. Demokratieverständnis hat er Null, sonst würde er die Teilnehmenden der Kölner Sitzblockade nicht mit „Chaoten“ in einen Topf werfen. Neben den üblichen Forderungen nach härterem Durchgreifen erwähnt er interessanterweise eine Arbeitsgruppe der DFL, in der DFL-Boss Christian Seifert „das schon auf dem Radar“ habe. Geht es in der unter Federführung der DFL neu formatierten „AG Fanbelange“ also ums Befrieden vermeintlicher „Chaoten“?

Die Zukunft sieht laut oliver mintzlaff dann so aus: „Ich glaube, dass unser Verein ein großes, vorbildliches Zugpferd werden kann mit einer neuen Fußballkultur ganz ohne Gewalt und Aggression.“

Vermutlich wird eine solche Dystopie genug Anhänger*innen finden – nicht umsonst ist das rb-Stadion bei Heimspielen voller Leute, denen gekaufter Erfolg wichtiger ist als Partizipation und die zu bequem waren, sich in schon bestehenden Leipziger Vereinen zu engagieren. Aber um sich nicht auf rb einzuschießen: das „Brot&Spiele“-Publikum mit Sky-Abo und Ultrà-Bashing findet sich in jedem Verein.

Wir werden die Entwicklung nicht mehr aufhalten können. Aber wir können es ihnen unbequem machen und dabei so lange wie möglich so viel Spaß wie möglich haben.

Ricordate

(Alle Zitate aus der Frankfurter Rundschau)

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33. Spieltag: 1. FC Nürnberg – FCSP
Sonntag, 8. Mai 2016, 15:30 Uhr
1-0

Letztes Auswärtsspiel der Saison in einer Gästekurve, in der du weder in eine Ecke des Stadions noch in einen Käfig gepfercht wirst, dazu als Gegenüber einen interessanten Gegner? Da müsste es doch ein Leichtes sein, einen Bus mit all denen zu füllen, die nicht mit dem Sonderzug nach Nürnberg fahren konnten oder wollten.
Nach dem positiven Bescheid des Fanladens in Sachen Stehplatztickets wurde also die Werbetrommel gerührt – doch siehe da, plötzliche Anwandlungen, am 8. Mai doch lieber die Mutter besuchen zu wollen oder sich den Hafengeburtstag reinzuziehen, zumal es bei unserem Spiel ja „um nichts mehr ging“ (was ist das überhaupt für eine selbst entlarvende Aussage?), führten letztendlich zu einem alles andere als ausgebuchten Bus. Egal. Die richtigen Leute an Bord, darunter ein paar angenehme neue Gesichter, das Wiedersehen mit unseren Steuermännern plus leckeres und liebevoll verziertes Catering reichten als Zutaten für eine gute Fahrt.
Zwar wurden wir wegen des Überangebotes vor Ort unsere überzähligen Karten nicht mehr los und das alberne doppelt&dreifach-Kontrollsystem im Gästeblock hat höchstens als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine Daseinsberechtigung. Dafür gab es eine freundliche Security, mit der man Schabernack treiben konnte und einen für Südspiele überraschend guten Support mit wenig „Pauli“-Ausfällen bei uns im Nebenblock. Im Hinblick auf die fehlenden akustischen Verstärker haben wir uns bei den Wechselgesängen mit Block A ganz gut geschlagen, wie ich finde.
Die Rückfahrt dann im Wechselbad zwischen Frust & Wahnsinn: Abfahrtsstau, stinkendes Bord-WC, zaghafte Lüftung, Migräne, Autobahnstau und angesichts der Überfälle in Potsdam und bei Sassenhausen Diskussionen über die gefühlte Zunahme von Sinnlosaktionen im Business des Beinchenhebens und Brusttrommelns. Mit Lösung der olfaktorischen Zumutung konnten wir uns dann wohlig dem vom unermüdlichen S. M. verbreiteten Wahnsinn ergeben. Dumm nur, dass man nach einer derart gelungenen Fahrt geneigt ist, den ganzen Vorfeld-Ärger plus Ebbe in der Gruppenkasse zu vergessen und sich überlegt, wann es wohl wieder mit der verrückten Bande auf Tour gehen kann …

Ricordate

LOGBUCH 1. FC NÜRNBERG – FCSP

Dalé, Dalé, Dalé. Allez Bonita und einen Jacky Cola.
SPM, mit dir fahre ich, wohin du willst, sogar bis ans Ende dieser Welt!
Ohne Dich macht das Leben keinen Sinn.
Ooohhh du schöne SPM *herz*
Für dich trete ich auch ins Bächle :-)

Ich habe Husten! Hust, Hust, Hust!
Trotzdem gute Fahrt, leider nicht ausgebucht :-(

Ach, geht es mir gut: nur „Kranke“ um mich rum :-) !
Willkommen daheim! Es macht Spaß!

*hust*
Hier stinkts und ziehts!
Voll der Kranken-Transport hier.
Alles am Husten und Schniefen.
Lazarett-Tour allez!
*hust*

Und dann noch übers Land, mit Sonnenuntergang …

Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord …

Ungeschriebenes Gesetz:
NIEMALS die Bordtoilette benutzen!
… is doch Scheiße ….

Der Bus kurvt herum
das Bordklo müffelt
ich muss hier was schreiben
weil mich Ela sonst rüffelt

Ich möchte mich im Namen der Sankt Pauli Bajaasch ganz herzlich für diese schöne Auswärtsfahrt bedanken!!! Ich fand es echt schön, so nette Leute kennen gelernt zu haben und würde mich freuen, wenn man sich noch öfters treffen und zusammen fahren würde!
Gruß, Locke und Jan

Schicke Fahrt, dankeschön!

Danke für die entspannte Tour!
Gerne öfter mal wieder!
Forza! Markus

Bayern war nie so chic wie mit der SPM!
Trotz Niederlage eine schicke Fahrt.
Für immer Sankt Pauli.
Forza! Maxine

Aber jeder Kilometer, den ich für dich zurückleg
Ist niemals vertane Zeit
Dalé Dalé Dalé Youla …

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GELESEN

Wir Wohlstandsultras

Anmerkungen zu Ralf Hecks „Zwischen Eigentor und Aufstand. Ultras in den gegenwärtigen Revolten“

    Einleitung

- zu Beginn 3 Zitate die bereits zum Nachdenken anregen: Nanni Balestrini, bei uns bekannt durch die Ultrà-Pflichtlektüre I furiosi, benennt das alte Laster der Intellektuellen, für die das soziale Subjekt schön, gut und wohlerzogen sein muss. Hm. Ist das noch so? Als Entgegnung fällt mir zwar der Intellektuelle Pasolini und seine Solidarisierung mit dem italienischen Proletariat ein (wozu für ihn auch Polizisten gehörten), aber eben auch zig mehr oder weniger Intellektuelle, die tatsächlich immer etwas von oben herab über – Betonung auf „über“ – diejenigen reden, zu denen sie forschen oder die statt ihrer die Revolution machen sollen.
Im 2. Zitat äußert sich 1982 der damalige Anführer der Roma Ultras über die Ähnlichkeit miteinander verfeindeter Ultras und die potentielle Möglichkeit, eines Tages miteinander vereint zu kämpfen. Tja. Würden wir das beherzigen, hätten Fußballverbände und Politik nicht soviel Macht über uns.
Das 3. Zitat stammt von einem der Ultras White Knights, der 2012 erklärte, dass er den Fußballhooliganismus für eine größere Sache, nämlich die Revolution vernachlässigt habe und damit nicht der Einzige sei. Bei so etwas frage ich mich immer, wie wir in einer ähnlichen Situation handeln würden. Aber wir würden nicht handeln. Wir würden wie immer vor lauter Diskutiererei und Grabenkämpfen zu nix kommen.
- ausgehend von der zunehmenden Beteiligung organisierter Fußballfans an den Aufständen der letzten Jahre (Griechenland, Spanien, Israel, Nordafrika, Türkei, Bosnien-Herzegowina) wird als Ziel des Textes benannt: Versuch zu erklären, wie Ultras entstanden sind und wie ihre Rolle in Klassenkämpfen einzuschätzen ist. Wenn Ralf Heck aber schreibt, auch die derzeitigen Ultra-Gruppen ließen sich nicht von den sozialen Bedingungen trennen, und wenn er einen Bezug zu den Auswüchsen des Kapitalismus bzw. zum Niedergang klassischer Organisationsformen wie Parteien und Gewerkschaften herstellt, fällt mir leider ein oberflächlicherer Grund ein: in Deutschland ist Ultrà einfach Mode und wird von den meisten nur für wenige Jahre als eine unter vielen Jugendkulturen gelebt.

    Die Anfänge / England

Interessanter Ausflug in die Entstehungsgeschichte des Fußballs, so wie wir ihn kennen:
- „Der moderne Fußball ist untrennbar mit der Industrialisierung verbunden …“ – das hört sich nicht gerade nach Fußballromantik an. Zumal wir doch alle der Überzeugung anhängen, der „moderne Fußball“ habe erst so richtig mit Pay-TV und der DFL begonnen.
Fußball war anfangs den Eliten und den Bürgerlichen vorbehalten, denn bei Arbeitstagen von bis zu 14 Stunden hatte von den Arbeitern keiner überhaupt die Freizeit sich sportlich zu betätigen. Erst mit Verkürzung der Wochenarbeitszeit und der Einführung des freien Samstagnachmittags vor ca. 150 Jahren konnte Fußball auch zunehmend von Arbeitern gespielt werden.
Welche Folgen wohl die Ausweitung unserer Arbeitszeiten durch prekäre Mehrfachjobs bzw. die zunehmend fehlende Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit auf den Amateurfußball haben wird?
- viele Arbeiterfußballvereine waren im Grunde Betriebsgründungen, um die Identifikation mit dem Arbeitgeber zu stärken und den sozialen Frieden zu wahren
Warum gibt es eigentlich noch keinen „FC Amazon“ in Bad Hersfeld, oder besser noch: in Leipzig?

    Wo kamen die Hools her?

- das sieht Ralf Heck im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Krisentendenzen und zunehmender Rebellion gegen die Elterngeneration ab Mitte der 60er Jahre
- interessanter Aspekt zur damals bereits kommerziellen Entwicklung des Fußball: um neben konkurrierenden Freizeitgestaltungen (Kino, TV) bestehen zu können, mussten Stadionbesuche attraktiver werden, weshalb in die Infrastruktur investiert und Wettbewerbe installiert wurden; natürlich konnten sich das nicht alle Clubs leisten, also begann sich bereits vor 50 Jahren auch dort die Schere zwischen Arm und Reich zu öffnen

Zurück zu den Hools:
- Stichworte: preiswerte Stehplätze, Skinheadbewegung, Betonung von Working Class im Gegensatz zu Love&Peace, Ablehnung von Autoritäten, Aufwertung und Abgrenzung durch mehr oder weniger überholte Ideale (Gemeinschaft, Revierdenken, Männlichkeit) bis hin zu Sinnlosgewalt und Rassismus
- die zunehmende Attraktivität der Hooligan-Bewegung wird durch Medienberichterstattung befeuert, wie z. B. Ligatabellen der Fangewalt (dass Wendt&Diekmann darauf noch nicht gekommen sind); zunehmende Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien führen zur Verlagerung der Auseinandersetzungen
- einsetzender Niedergang der Bewegung wie immer dann, wenn etwas Mode und Mainstream wird; zur Diskreditierung der Hool-Bewegung haben maßgeblich aber auch die Medienpropaganda nach Heysel und Hillsbourough plus Repression (Unterwanderung, Überwachung) und Umbau der Stadien beigetragen
- politischer Faktor der Hools? Uneindeutig. Es gab wohl Beteiligungen an Streiks und Riots, aber eben auch eine Menge an rassistischem Mist.
Lieblingsanekdote: dass 1977 in London anlässlich eines Marsches der National Front auch Mitglieder der Inter City Firm mitgemacht haben – auf Seiten der Socialist Workers Party

    Italien

- Die Gründe für das Entstehen der italienischen Ultrà-Bewegung dürften den meisten von uns bekannt sein. Stichworte: Aufbegehren gegen Rückständigkeit von Politik und Gesellschaft, Instrumentarium von Streiks und Demos (Fahnen, Trommeln, Megaphone, Pyro) wird in die Stadien getragen, Einfluss der britischen Hooligan-Kultur verstärkt den ohnehin schon vorhandenen Regionalismus
- Neu für mich: der Zusammenhang mit der Autonomia-Bewegung, die sich zu Beginn der 70er Jahre mittels Mietstreiks, Hausbesetzungen, Aktionen wie kollektivem Schwarzfahren, „proletarischem Einkaufen“ oder der Gründung von Centri Sociali, Radio- und Zeitungsprojekten in der „Revolutionierung des Alltagslebens“ versuchte. Nach deren Niedergang gegen Ende der 70er Jahre strömten die nunmehr „arbeitslos“ gewordenen Aktivist*innen vermehrt in die Stadien und trugen mit zum Boom der Ultrà-Gruppen bei.
- Ralf Hecks Pessimismus angesichts der aktuellen Lage in Italien teile ich in der Form nicht. Repression, Rechtsruck und mafiöse Strukturen haben viel kaputt gemacht, aber in den unteren Ligen ist in der letzten Zeit ein Wiedererstarken von Fankultur ebenso zu beobachten wie politisch emanzipatorische Ansätze.

    „Ultramythen“

- „ACAB“: statt „Gejammer über als willkürlich empfundene Einsätze“ scheint Ralf Heck von uns Wohlstandsultras Kritik an der grundlegenden Rolle und Funktion der Polizei zu erwarten. Ja nun. Die gibt es durchaus. Nützt einem als Praktiker aber nix. Im Wanderkessel laufend oder in der dank Polizeibegleitung überfüllten S-Bahn zur Alten Försterei nach Luft schnappend äußert sich die Kritik eben verkürzt. Ich kann natürlich versuchen, aus dem Angriff auf die Polizeiwache in Rostock eine revolutionäre Aktion mit echten revolutionären Subjekten zu machen. Oder so dann doch wieder nicht?
- „Gegen den passiven Fan“: auch hier empfinde ich die Kritik als nicht berechtigt. Den Menschen, die eine Menge Zeit und Energie in die Gestaltung ihrer Kurve/des Kurvenlebens stecken, „Pseudo-Aktivität“ vorzuwerfen, weil der „erkämpfte Freiraum“ (welcher Freiraum übrigens?) nicht „Ausgangspunkt einer weitergehenden Revolution“ ist, sondern „selbstreferenziell“ bleibt, ist für mich genauso abgehoben und unfair wie eine Wertigkeitshierarchie zwischen Menschen, die „nur“ gegen Nazis kämpfen und nicht „für die Weltrevolution“ oder die sich für Tierrechte, aber nicht für Geflüchtete engagieren.
- „Wir sind der Verein“: die Kritik an den für uns notwendigen „Verrenkungen“ und „Identitätskonstruktionen“ kann ich zum Teil nachvollziehen. Statt einer Gegenüberstellung von kommerziellem Verein und antikommerziellen Ultras würde ich aber eher letzteres hinterfragen. Womöglich passt das „Wir sind der Verein“ dann nämlich doch ganz gut.
- „Nein zum modernen Fußball“: in dieser pauschalisierenden Form wird die Aussage kaum noch genutzt; statt dessen werden einzelne Auswüchse kritisiert bzw. versucht negative Entwicklungen mit Hilfe von Aktionen und „Gewerkschaftsarbeit“ abzumildern/zu stoppen.

    Ägypten, Türkei und Ukraine

Alle drei Kapitel sind empfehlenswert, auch für diejenigen, die Artikel dazu z. B. in der Wochenzeitung, im BFU, Transparent oder EF gelesen haben.
Eine inhaltliche Kritik kann und möchte ich mangels Kenntnis der Lage vor Ort nicht äußern.Es kommt mir aber so vor, als sei Ralf Heck hinsichtlich der Erwartungshaltung an die potentiellen „revolutionären Subjekte“ hier weniger streng als bei uns deutschen Ultras.

    „Zum Spannungsverhältnis zwischen Eigentor und Aufstand“

Den Überlegungen hinsichtlich der möglichen Entwicklung und gesellschaftspolitischen Rolle von Ultras geht eine ziemlich schonungslose Analyse des Fußballgeschäfts voraus – und da muss ich Ralf Heck Recht geben: in Schule, Ausbildung, Studium, Beruf oder in Abhängigkeit von Transferleistungen wehren wir uns gegen Leistungsdruck und das Recht des Stärkeren. Wir wollen nicht unter dem Aspekt der Verwertbarkeit unserer Arbeitskraft oder Kaufkraft beurteilt werden und versuchen uns Freiräume zu schaffen. Aber jedes Wochenende richten wir in unseren mehr oder eher weniger selbst bestimmten Kurven an das von uns unterstützte Team genau die Ansprüche, die wir für uns selbst ablehnen.

Trotz einiger Kritikpunkte halte ich den Text für eine sehr gute Diskussionsgrundlage und wünsche ihm eine große Verbreitung. Zur Zeit gibt es ihn noch nicht online. Erschienen in Kosmoprolet #4, Bezug hier

Ricordate

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SAISONSPLITTER 2014/2015
Teil 1

1. Spieltag: Samstag, 2. August 2014, 15:30 Uhr, FCSP – FC Ingolstadt 04, 1-1, 458 km

Das 1. Mal Zeckenbisse im Fanladen. Für den Bruder eines Gruppenmitgliedes, der an diesem Tag seinen 16. Geburtstag gefeiert hat, das 1. Mal am Millerntor. Das 1. Mal Zeckenbiss-Verkauf in der Südkurve. Im Tandur zum 1. Mal etwas anderes bestellt als vegetarische Vorspeisenplatte oder Börek mit Schafskäse. Auf Anregung von M. und K. zum 1. Mal Ben&Jerry’s probiert am Autohof mit den obskuren Tagesangeboten „nach Döner-Art“ (hängt vermutlich davon ab, welches arme Viech vom Asphalt gekratzt wurde). Dank Vollsperrung das 1. Mal auf der A1 rumgelaufen.


2. Spieltag: Freitag, 8. August 2014, 18:30 Uhr, VfR Aalen – FCSP, 2-0, 489 km

Meine ersten Worte nach dem Spiel waren „Halt die Fresse“ (dabei hatte der arme Junge nur „Tröööt“ gesagt) und ein gesimstes „Schnauze“ an den Fortunen. Und du willst TEXT?

DFB-Pokal 1. Hauptrunde: Samstag, 16. August 2014, 15:30 Uhr, FSV Optik Rathenow – FCSP, 1-3, 445 km
Die eingespielte Autobesatzung sah sich trotz Navi nicht in der Lage rechtzeitig vorm Verlassen der Autobahn eine Raststätte anzusteuern, weshalb Zähneputzen & Co. irgendwo im schönen ländlichen Brandenburg erledigt werden mussten und das Einsetzen der Kontaktlinsen von pubertärem „Iiiih, Augapfelflüssigkeit“ begleitet wurde.

Wir trafen so rechtzeitig in Rathenow ein, dass mit Blick auf das noch leere Gelände am Wolzensee erstmal das örtliche Einkaufszentrum angesteuert wurde, wo wir dann andächtig bis kopfschüttelnd vor dem beeindruckend großen Schnaps-Likör-sonstwas-Regal standen, uns aber doch lieber für Bewährtes entschieden. Zurück am See trafen kurz nach uns die Busse und Zugreisenden ein und während der Wirt vom „Blockhaus am Wolzensee“ zum Schutz seiner Gaststätte Polizei anforderte, vertrieb man sich die Zeit mit Klönen („Wie heißen eigentlich die Leute, die den Kaviar aus den Fischen holen? Störmelker?“), Grillen und Baden, bevor dann das Stadion geentert und angeflaggt wurde. (So, 3 No Go-Klischees in einem Satz, nur der Pausentee konnte nicht untergebracht werden.) Netter Name, nettes Stadion. Leider war es richtig fies voll im Block und zusammen mit der unzureichenden Getränkeversorgung und der aufkommenden Migräne war ich mehr mit Fluchtgedanken vs. Durchhalten als mit dem Spielgeschehen beschäftigt.

Zurück beim Parkplatz kamen wir angesichts der jungen und sehr betrunkenen Optik-Ultrà, die Bengalo-schwenkend um einen der wenigen Polizeiwagen herumhüpfte, ins Philosophieren, ob einem mit der altersbedingten Zunahme an Vernunft nicht doch auch etwas verloren geht. Mit einem Fahrgast mehr ging es nach Berlin-Friedrichshain, wo es die Reisekollegen nach Speis (Yoyo) und Trank (Wilde 13) im Hostel binnen kürzester Zeit schafften, die Security auf den Plan zu rufen. Wir durften aber über Nacht bleiben und fuhren im Laufe des Sonntags gut erholt zurück ins Rhein- und Münsterland.

3. Spieltag: Freitag, 22. August 2014, 18:30 Uhr, FCSP – SV Sandhausen, 2-1, 347 km
Sandhausen als Begriff sagt nicht unbedingt „Spannung“, aber dieser Spieltag war doch echt unterhaltsam. Ich habe mich mit Freunden von Siamo Tutti Sankt Pauli getroffen und wir sind gemeinsam mit dem Auto nach Hamburg gefahren. Im Viertel angekommen, wir haben uns Bier vom Kiosk gekauft und sind Richtung Stadion gegangen. Komisch, wie man das so selten macht, seit der Fanladen umgezogen ist. Die Zeit war schon recht knapp, also wir sind fast direkt reingegangen und haben uns die diversen Fanzines geschnappt (dieses Mal mit Übersteiger als Bonus). In der Kurve habe ich im Gegensatz zum letzten Heimspiel einen tollen Platz gesichert, weg von nervigen Leuten. Viele von den Ultras hatten sogar ihre Kinder mitgebracht (es überrascht mich schon, wie viele von diesen relativ jungen Radaubrüdern schon Nachwuchs haben!) und ein paar von den Kids haben sich ganz brav auf den Zaun gesetzt. Die Klamottenauswahl der Kinder ist teilweise besser als die der Erwachsenen in der Kurve (New Balance-Turnschuhe, Adidas-Trainingsjacken – stark!) und sie haben sich das ganze Spiel gefreut – gut zu sehen. Die Choreo war auch besonders gut. Irgendwas mit Krawalle, ein Ton Steine Scherben-Zitat, ein bisschen Rauch und das Rot und Schwarz von alten zerrissenen Deutschlandfahnen genutzt. Nicht schlecht! Auf dem Spielfeld haben wir gut angefangen. Die Leistung war da und ich hatte das Gefühl, dass die Mannschaft für ihren Trainer kämpfen wollte (die Gerüchte waren, dass alles unter 3 Punkte und er wird weg sein). Mit dem 1-0 so früh habe ich gehofft auf einen Kantersieg. Aber nach unserer Führung haben wir das Mittelfeld verloren, und Sandhausen kam viel zu oft unserer Verteidigung durch. Sandhausen hat eigentlich das Spiel dominiert, aber in den letzten 15 Minuten kamen wir wieder an die Macht. Die Atmosphäre war zu diesem Punkt auch extrem laut (und das von allen Seiten). Irgendwie hat das gefühlt die Mannschaft weiter nach vorne gepeitscht und wir haben angefangen Druck auszuüben. In der letzten Minute hatten wir den Ball in deren Strafraum. Ich habe keine Ahnung, wer oder wie das Tor geschossen war, aber plötzlich war der Ball im Netz und Tumult auf der Kurve. Bier, Schals, Arme, Beine, alles in der Luft, als jeder geschrien hat und versucht hat alles und jeden zu umarmen. Herrlich! Die gute Laune war echt spürbar und nach dem Spiel haben die Fans und Spieler zusammen gefeiert, als ob man was wichtigeres geschafft hat als ein 2-1 gegen Sandhausen. Mal gucken, ob es unsere Saison endlich anstößt. Nach dem Spiel sind wir direkt zum Auto und dann weiter nach NRW. Ich habe kurz vor 2 Uhr endlich mein Bett erreicht. Die lange Nacht hat sich aber dieses Mal gelohnt!


6. Spieltag RL Nord: Sonntag, 31. August 2014, 14 Uhr, FCSP U23 – BTSV II, 0-3, 478 km

Eigentlich schade, dass sich auch bei den wenigen günstigen Terminierungen so wenig von der aktiven Fanszene bei der U23 blicken lassen. Wir reisten komfortabel mit VW-Bus nach Norderstedt und ließen uns nach kurzem Sprint durch den platternden Regen in die verdammt gemütliche Sitzlandschaft der Vereinsgaststätte fallen. Leckere Pommes Frites gab es da … Lange Verweilen war nicht, wir hatten ja ein (fanpolitisches) Anliegen, mehrere Tapeten im Gepäck und ich dank großzügigem OL eine Akkreditierung. Ganz andere Art und Weise Fußball zu schauen bzw. zu hören. Als verwöhnte Zweitliga-Ultras ließen wir unsere Tapeten nach dem Zeigen natürlich liegen und reagierten ertappt-beschämt auf die Bitte des freundlichen Ordners hinter uns aufzuräumen.

Nach der Rückfahrt erstmal monatelang HipHop-geschädigt.


4. Spieltag: Montag, 1. September 2014, 20:15 Uhr, SpVgg Fürth – FCSP, 3-0, 0 km

Warum wir nicht nach Fürth gefahren sind, steht hier.


6. Spieltag: Freitag, 19. September 2014, 18:30 Uhr, FC Wismut Aue – FCSP, 3-0, 570 km

SMS-Wechsel zwischen Bus und PKW: „Wo seid ihr denn gerade?“
„Wir holen in Gießen noch ne Sitzecke ab.“
„Wat?? Was wollt ihr mit ner Sitzecke in Aue??“
„Scheiß Wortkorrektur!!! Ne Südzecke!!!“
Und so fuhren wir mit einer Sitzecke durchs verregnete Erzgebirge, 1200 km an einem Freitag, der so dreckig war wie ein Stadionklo, aber dekadent bis zum Schluss.


7. Spieltag: Dienstag, 23. September 2014, 17:30 Uhr, FCSP – Eintracht Braunschweig, 1-0, 307 km

- Blöde englische Woche!!
- Fußball gehört aufs Wochenende!
- 1:0 gewonnen, zum Glück.
- Alleine nach Hamburg zum Spiel fahren ist kacke, macht in einer Reisegruppe einfach mehr Spaß.
- Zu empfehlen: Vegane Currywurst von Vincent Vegan, super geiles Teil. (aufm Harald-Stender-Platz)
- Stimmung im Stadion und vor allem auf der Süd ist konstant gut diese Saison.
- Mehr gibt es zu diesem Spieltag nicht zu sagen.

8. Spieltag: FSV Frankfurt – FCSP, Sonntag, 28. September 2014, 13:30 Uhr, 3-3, 203 km

10. Spieltag: Montag, 20.Oktober 2014, 20:15 Uhr, Fortuna Düsseldorf – FCSP, 1-0, 0 km
Wenn man als Gruppe beschließt, eine Saison lang alle Montagsspiele zu boykottieren, die weiter als 300 km vom Millerntor entfernt sind, gilt das auch für Begegnungen, die für uns fast schon Heimspielcharakter haben. Respekt an das Gruppenmitglied, dem der Verzicht alleine schon wegen der privaten Konstellation richtig weh getan hat.

11. Spieltag: Samstag, 25. Oktober 2014, 13 Uhr, FCSP – Karlsruher SC, 0-4, 458 km
1. Stimme: Da man schon wegen dem Regionalligaspiel VfB Lübeck – FCSP U23 (0:0) in Hamburg war, konnte ich etwas länger schlafen als sonst! Beim Stadion habe ich dann die bekannten Gesichter begrüßt und es ging in die Kurve. Zum Spiel selbst gibt es nicht viel zu sagen, außer dass es ne fette 0:4 Niederlage gegen den KSC war…
2. Stimme: Mit dem Redaktionskollegen aus Sachsen gesprächsweise in der Kleinen Pause versackt, und ohne D.s Mahnung zum Aufbruch hätten wir vermutlich den Anpfiff verplaudert. Über das Spiel legen wir besser den Mantel des Schweigens. Im Tandur haben wir uns danach über die Niederlage zwar nicht wirklich hinwegtrösten können, sie durch weitere Geschichten und Anekdoten aber zumindest eine Weile ausblenden können.

DFB-Pokal 2. Hauptrunde: Dienstag, 28. Oktober 2014, 20:30 Uhr, FCSP – Borussia Dortmund, 0-3, 307 km
Auch wenn es schon etwas länger her ist und ich echt spät den Bericht schreibe, sind die Bilder in meinem Kopf von diesen Abend immer noch recht klar. So einen Abend vergisst man halt nicht so schnell, auch wenn das Ergebnis ruhig hätte anders sein dürfen.
Auch wenn das Spiel am Abend angepfiffen wurde, fuhren wir schon recht früh los in Richtung Norden.
In Hamburg kann man immer etwas Zeit verdaddeln, egal wie früh man da ist. Aufm Weg nach Hamburg schon einige Dortmunder Busse und PKW´s gesehen. Kein Wunder bei dem gleichen Anreiseweg…

Nach den üblichen Vor-Spielbeginn-Prozedere ging es mit der Choreo-Gruppe früh ins Stadion um bei den Vorbereitungen für die Choreo zu helfen. Ein bisschen Klönschnack hier, bisschen Klönschnack da und schon war das Stadion voll. Zum Einlauf dann die Choreo.
Eine große Blockfahne, die auch zum ersten Mal hoch über die Sitzplätze ausgebreitet wurde.
Links und rechts neben dem Vereinswappen kleine Fähnchen. Habt ihr aber mittlerweile schon alle gesehen und bestaunt. Hier nochmal ein Dank an alle, die dabei mitgeholfen und mitgewirkt haben.
Richtig geile Choreo!

Zum Spielgeschehen selber schreibe ich jetzt auch nichts mehr. Habt ihr wahrscheinlich auch schon mehrmals gelesen und gesehen.
Der Gästeblock hatte nicht viel zu bieten. Nicht mal bei den Toren konnte man die Dortmunder hören.
Und mehr als die ollen schwarz-gelben Fahnen hatten die Dortmunder auch nicht dabei. Ziemlich enttäuschend. War doch die Vorfreude auf eine große Fanszene so groß. Hatte echt mehr erwartet.
Ist wohl ein verwöhnter kleiner Haufen. Keine Champions-League / keine Stimmung.
Was meiner Meinung nach noch geiler war als die Choreo zum Einlauf, war die Choreo zur 2. Halbzeit!
Feuer frei!! Richtig gut und man merkte, dass das Feuer auch auf das Spielfeld übergegriffen hat.
Die Stimmung im Stadion war das ganze Spiel durchweg gut. Besser als bei Liga-Spielen, aber man kann nie laut genug sein. Meiner Meinung nach muss noch immer eine Schippe mehr drauf gelegt werden.
Dortmunder Banner-Präsentation am Zaun der Südkurve… Peinlich! War meines Wissens nicht mal selber gezockt. Selbst wenn es selber gezockt wurde, wäre es immer noch nicht toll. Genauso wie Übergriffe auf „normale Trikotfans“… Sucht euch Nazis!
Der Rückweg verlief auch ohne Komplikationen und so waren wir dann früh morgens wieder zu Hause.
Zum Glück hatte ich Urlaub!

12. Spieltag: Samstag, 1. November 2014, 13 Uhr, 1. FC Nürnberg – FCSP, 2-2, 408 km
Beratungsresistenz beim Fahrer und Fehlinterpretation einer Navi-Anweisung verschafften uns eine unfreiwillige Stadtrundfahrt und einen nicht wirklich gut gelegenen Parkplatz. Dadurch spät im Stadion und beim Suchen nach einem Platz für die Zaunfahne auch noch in den Verdacht des Bannerklaus geraten. Sahnehäubchen, wenn man dann per SMS auf einen „total guten“ Zaunfahnenplatz am anderen Ende des knackevollen Gästeblocks hingewiesen wird. Eines der wenigen Stadien mit einem Gästeblock, in dem du dir nicht wie ein unwillkommenes und potentiell gefährliches Stück Vieh vorkommst. Trotz 2maligen Passierens einer angeblich neuralgischen Stelle blieben wir unbehelligt.

13. Spieltag: Samstag, 6. November 2014, 13 Uhr, FCSP – 1. FC Heidenheim 0-3, 307 km
- Fuck!
- Aaarrggh!
- 0:3 gegen Heidenheim verloren?!
- Leckt mich am Arsch!
- Euer Ernst?!

14. Spieltag: Sonntag, 23. November 2014, 13:30 Uhr, RB Leipzig – FCSP, 4-1, 0 km
Das übliche Dilemma: der Anspruch/Wunsch und Willen das eigene Team zu unterstützen gegen die tief empfundene Abneigung eine instrumentierbare Kulisse zu liefern. Dazu noch die Aussicht sich von einem alles andere als korrekten Ordnungsdienst durchsuchen und begrabbeln lassen zu müssen. Einstimmige Entscheidung nicht nach Leipzig zu fahren.

15. Spieltag: Sonntag, 30. November 2014, 13:30 Uhr, FCSP – 1. FC Kaiserslautern, 1-3, 458 km
Die Inhalte von auf der Süd gezeigten Spruchbändern sagen eigentlich alles: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, „Große Spiele – lange her, glauben doch an Wiederkehr“ und „Ist das euer Ernst? …“


Dankeschön an KleinerTod

Wir hatten nicht mal mehr Lust, wie üblich gemeinsam essen zu gehen, so enttäuscht waren wir. Bloß schnell nach Hause. Wobei „schnell“ sicher relativ ist bei mindestens 4 Stunden Heimfahrt.

16. Spieltag: Freitag, 5. Dezember 2014, 18:30 Uhr, VfL Bochum – FCSP, 3-3, 53 km
- Vorsicht Späher!! ;-)
- Da stehste seit Jahren Schulter an Schulter mit denselben Gestalten in einer Kurve und wirst für einen Späher gehalten…
- Nette Unterhaltung vor dem Spiel geführt. *lach* (Insider)
- Zum Anfang des Spiels Geburtstagschoreo von Ultras Bochum 99 mit runder Blockfahne, Zaunfahne und vereinzelte Fahnen im Block.
- 2. Halbzeit eine weitere Choreo zum Geburtstag mit großer Blockfahne mit Gründungsdatum von UB 99 und netter Pyroeinlage.
- Gefühlsachterbahn nach drei Führungen und immer wieder der Ausgleich von Bochum.
- Am Ende ein 3:3 Ergebnis.

18. Spieltag: Mittwoch, 17. Dezember 2014, 17:30 Uhr, FC Ingolstadt – FCSP, 2-1, 0 km
Auch ohne den von uns in dieser Saison durchgeführten 300km-Boykott: so kurz vor Jahresende sind sowohl Urlaubstage als auch Dispo aufgebraucht.

Fortsetzung folgt.

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„UND DADURCH HAST DU AUTOMATISCH KONTAKT ZU BANDS UND LERNST EINS: MACH ES SELBST!“
Interview mit Rikk von Raccoone Records

    Gefühlt gibt es momentan so viele kleine Labels wie nie zuvor. Was war für dich der Grund für Raccoone Records? Hattest du vorher Erfahrung sammeln können?

Ja, ich finde es toll, dass so viele Leute kleine D.I.Y.-Labels starten und die Bands unterstützen, die sie mögen. Andererseits wird gerade so viel Schrott wie noch nie rausgebracht. Aber ich finde es gut, wenn die Leute mit Herzblut dabei sind. Und mein Grund ein kleines Label zu starten war, dass ich einfach Lust drauf habe, eins zu machen. Hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt und mich irgendwie nie so recht getraut. Dann bekam ich zum Geburtstag eine Slipmat von meiner damaligen Freundin geschenkt, auf der Raccoone Records stand und dazu ein Foto von unserem Kuscheltier, einem Waschbär. Und so ist dann der Name entstanden und ich musste meine Pläne wohl mal in die Tat umsetzen. Bis zur ersten Veröffentlichung hat es trotzdem noch ein Jahr gedauert, das war dann die Alte Schule Masthorn-LP. Erfahrungen im Labelbereich hatte ich vorher keine, aber ich bin schon so lange im Punk unterwegs und war auch immer wieder in verschiedenen Konzertgruppen, wie zur Zeit im Düsseldorfer AK47. Und dadurch hast du automatisch Kontakt zu Bands und lernst eins: mach es selbst!

    Wie ist die stilistische Bandbreite deines Labels?

Von Punk-Elektro-HipHop bei Alte Schule Masthorn über die „Drunk D’n’B Punk Asses“ 100Blumen bis HC/Crust von Sunlun oder einfach nur Punk ist fast alles vertreten. Es muss halt einfach gut sein und mir gefallen.

    Wenn es um politische und/oder systemkritische Inhalte geht, hat Punk schon lange kein Alleinstellungsmerkmal mehr – denkst du, dass die Bedeutung von Punk nachgelassen hat?

„Wenn es nur noch um Musik geht. Dann war alles nur ein Irrtum. Volker Rühe macht jetzt Punkrock“, haben …But Alive mal gesungen. Es wäre doch verdammt schade, wenn nur Punk/Hardcore-Bands was zu sagen hätten. Wenn nur sie Sachen verändern wollen. Hatte früher mal eine Crust-Phase, wo ich nur Geballer gehört habe und alles andere scheiße fand. Mann, muss das langweilig gewesen sei … Heute gibt es so viel verschiedenes Zeug, das ich höre. Nur mit Ska und Reggae und so kannst du mich jagen. Aber wenn ihr was zu sagen habt und Bock auf Musik, macht das einfach, egal, welcher Stil es ist, ob jetzt Punk, Hardcore, HipHop oder Elektro.

    Gibt es bestimmte Kriterien für deine Bands? Oder besser gefragt: was würdest du definitiv nicht rausbringen?

Love music – hate fascism! Ganz klar, wer rassistisches, sexistisches, homophobes etc. Zeug von sich gibt, hat bei mir nichts verloren. Auch auf den ganzen Grauzonenscheiß kann ich verzichten. Ansonsten muss mir der Sound und das Auftreten der Band gefallen. Ich habe aber auch schon Bands abgelehnt, wo Freunde drin gespielt haben, weil es einfach nicht mein Sound war. Ich würde nichts rausbringen, was ich nicht mir nicht selber anhören würde. Was soll ich mit einer Scheibe, die ich zu Hause selbst nie auflegen würde?

    Du scheinst ja deine Bands auch alle sehr gut zu kennen. Ist das eine Voraussetzung oder hast du schon was von einer Band veröffentlicht, die du persönlich vorher gar nicht kanntest?

Die meisten meiner Bands kannte ich vorher schon zumindest zum Teil persönlich. Das bleibt nach Jahren in der D.I.Y.-Hardcore/Punk-Szene wohl nicht aus. Aber zum Beispiel die Alte Schule Masthorn kannte ich nicht. Habe zufällig ihre erste CD in die Hand bekommen und war sofort begeistert. Eigentlich sollte ich ja ein Review fürs Ox-Fanzine drüber schreiben, zu dem ist es leider nie gekommen, sorry. Aber dafür habe ich ein Konzert mit denen organisiert, die beiden kennen gelernt und meine Stromnachzahlung in die Platte gesteckt. Oder bei Schwach, da habe ich das Demotape gehört und war sofort geflasht von der Art, wie sie Hardcore spielen, die Texte dazu. Das hat mich alles an den Emokeller früher in Essen erinnert, als die Rappelkisten-Crew damals dort Konzerte gemacht hat. Wo du vier Mark Eintritt gezahlt hast und es noch Vokü für alle gab, weil die Leute vorher beim Markt waren und Gemüse, das nicht mehr verkauft werden konnte, aber absolut essbar war, eingesammelt und für alle gekocht haben. Es gab keinen Alkohol in dem Laden zu kaufen, aber du konntest dir dein Bier mitbringen und es war für alle voll okay. Und dann kommen Schwach aus Berlin und hauen mich ihren Demotape voll weg. Also habe ich sie angeschrieben und gesagt, ich will ’ne 7inch mit euch machen. Hab die Leute später kennen gelernt und nichts bereut, ist eben schön, wenn mensch auf einer Wellenlänge ist. Kenny Kenny Oh Oh habe ich auch noch nicht gekannt, als mich Philipp von Contraszt! Records gefragt hat, ob ich mich an deren Split-7inch mit Lambs beteiligen wollte. Kannte halt die Lambs und habe denen und Philipp voll vertraut.

    Fällt dir eine Combo ein, die du noch unbedingt veröffentlichen möchtest?

Ja, Respect My Fist aus Berlin, da würde ich mich gerne an einer 7inch oder 12inch beteiligen. Und ich würde gerne die Loxiran-10inch nachpressen, einfach weil das die Scheibe war, die mich vom Deutschpunk zum Hardcore gebracht hat! Ansonsten ist so einiges geplant. Aber ich muss immer schauen, wie ich die Kohle zusammenbekomme. Meistens wird es dann eh eine Gemeinschaftsproduktion mit mehreren Labels.

    Machst du eigentlich nur Vinyl und wenn ja, warum?

Vinyl ist einfach der beste Musikträger, wie ich finde. Bin halt ein Vinylfreak und kann stundenlang im Plattenladen verweilen. Mit der CD bin ich einfach nie warm geworden. Aber ich mache auch Kassetten, dieses Medium aus den Achtzigern. Ich mag einfach Tapes. Du kannst nicht wirklich weiterskippen und musst dir das ganze Tape anhören. Wie habe ich mich außerdem früher über ein Mixtape gefreut!

    Wie sieht’s aus mit Gimmicks für die Sammlernerds? Machst du auch buntes Vinyl oder ähnlichen Schnickschnack?

Eigentlich finde ich es blöd, wenn die Special-Sachen dann hinterher zu Höchstpreisen auf eBay oder so weiterverkauft werden. Aber klar mache ich farbiges Vinyl oder eine besprühte Extrahülle in einer kleinen Auflage. Das macht schon Spaß. Und ich selbst freue mich auch darüber, wenn ich auf dem Konzert von einer Band eine toll aufgemachte Platte kaufe. Es sind halt die kleinen Widersprüche im Leben.

    Was sind deine 5 alltime favourite labels/records?

Labels, die ich abfeiere, sind zum Beispiel Emancypunx, ich finde wunderbar, was die auf die Beine stellen. Ich habe öfter mir Platten gekauft, nur weil sie da erschienen sind, und wurde noch nicht enttäuscht. Dann Dischord, denn ich stehe einfach auf den alten D.C.-Hardcore/Punk. Auch das Konzept ist interessant, einfach seine Umgebung und Zeit zu dokumentieren. Twisted Chords ist auch super, was Tobi da aufgebaut hat, da sind richtig gute Bands dabei. Und natürlich Riot Bike aus Hamburg – klasse, dass wir jetzt endlich mal was zusammen machen! Und bei RilRec finde ich gut, dass Maks und Lars da ein bisschen aufräumen, sich von Bands, mit denen ich nichts anfangen kann, lösen und dafür jetzt so gutes Zeug rausbringen wie die Notgemeinschaft Peter Pan.
Und meine Lieblingsplatten … Oh, nur fünf, aber es gibt so viele gute! Wie „Out of Step“ von Minor Threat, die begleitet mich schon so lange. Immer wenn’s mir schlecht geht, lege ich sie auf und schreie meine Wut mit raus. Und die Loxiran-10inch, klar. Dann die erste Koyaanisqatsi – bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich sie höre! Die ersten drei Muff Potter, ab der vierten finde ich sie blöd. Und alles von Rvivr läuft gerade auf dem Plattenteller rauf und runter. Habe sie mal in der Flora zufällig live gesehen und mich in die Band verliebt. Ich mag einfach diesen Olympia/Washington-Sound. Puh, es gibt noch so viele tolle Scheiben …

    Du fährst regelmäßig zu Heim- und Auswärtsspielen unseres Vereins und bist Mitglied bei Straight Edge Sankt Pauli – lässt sich das noch mit der Labelarbeit vereinbaren oder merkst du bereits, dass du Abstriche machen musst?

Ja, das kommt vor, dass ich Abstriche machen muss, zum Beispiel konnte ich nicht zu einem Heimspiel, weil zeitgleich eine Minilabel-Messe in Düsseldorf war, an der ich mich mit Raccoone beteiligt habe. Hatte dann Leute, die mich mit einem Liveticker versorgt haben. Aber meistens kann ich beides unter einen Hut bringen und verbringe häufig dann auch das ganze Wochenende in Hamburg. Danke, Maica, dass ich so häufig dein Sofa belegen darf! Und Danke an Katrin und Matthias von SxE SP für das allerbeste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe: eine Saison lang kostenlose Hin/Rückfahrt bei ihnen im Auto. Dafür muss ich nur jedes Mal eine FCSP-Bommelmütze tragen. Ich hasse Bommelmützen … haha. Oder ich bringe so Sachen, wie dass ich samstags ein Konzert im AK47 habe und mich anschließend um vier Uhr morgens auf den Weg zum Heimspiel mache. Und dann geht’s mit dem letzten ICE zurück nach Düsseldorf, damit ich Montag um acht Uhr wieder auf der Arbeit bin.
Nee, aber Abstriche musste ich eher in anderen Bereichen machen, zum Beispiel musste ich die Brunchgruppe aufgeben, weil ich sonntags statt zum veganen Brunch immer zum Fußball gegangen bin. Oder die Konzertgruppe Erwin Youth, nachdem ich oft nicht zum Konzert helfen kommen konnte, weil ich wegen einem Sankt Pauli-Spiel das Wochenende mal wieder in Hamburg verbracht habe. Aber so was kennen ja alle Leute, die nicht das Glück haben, in oder um Hamburg zu wohnen. Na ja, die AK47-Crew ist auch schon am meckern, dass ich mich kaum noch blicken lasse.
Dann sage ich mal Danke fürs Interview und wir sehen uns auf dem Raccoone-Labelfest. Oder demnächst wieder beim Spiel!

(Für die SPM gefragt haben Fortuna-Dirk, Teddy und Ela.)

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10 JAHRE FC UNITED OF MANCHESTER

10 Jahre ist in der Geschichte von FC United vergangen. Im Allgemeinen einer guter Zeitpunkt zurück zu blicken. Dazu haben wir jetzt sogar mehr als 5 Jahre in der gleiche Liga verbracht. Das wäre nicht so komisch unter normalen Umständen. Wenn wir zu den „Werten“ unseres jungen Vereins halten, werden wir sowieso wahrscheinlich höchstens nur die unterste Liga im Profi-Fußball erleben und das nur, wenn alles gut läuft. Von daher werden wir nicht ständig aufsteigen. Aber über die letzten 5-6 Jahre haben wir immer oben in der Northern Premier League (Rang 7 im englischen Liga-System) gespielt.

Fast immer waren die „Play-offs“ (eine Art Relegation) eine Möglichkeit. Als wir wegen eines Tores die Playoffs in 2008 knapp verpasst haben, lebte ich noch in England. Ich und meine Freunde waren noch jung. Es ging um den Verein, Saufen, Fußball und wenig Anderes. Heutzutage fahren die meisten meiner Freunde immer noch regelmäßig, aber sie haben Jobs, teilweise Kinder. Diejenigen, die bei Drogen geblieben sind, feiern weiter, aber für den Rest reicht meistens die Sperrstunde nach einem Spiel statt in den Clubs weiter zu machen. Wie schnell die Zeit vergeht. Aber für eine Weile hat dieser Alterungsprozess ein Problem dargestellt.

Vielleicht aufgrund des allgemeinen Altersproblem in der englischen Fankultur (junge Leute können sich Fußball oft nicht mehr leisten) waren wir sogar mit Ende 20/Anfang 30 immer noch die „junge Generation“. Wir haben was von der ersten Generation (die 20 Jahre lang Manchester United heim und auswärts gefolgt sind und die Entscheidung FCUM zu gründen durchgeführt haben) gelernt, aber an wen sollten wir es weitergeben? Ein Verein ohne „home zone“ und eigenes Stadion, gefangen in der 7. Liga und irgendwie ohne eine Masse von Fans unter 25 Jahre alt. Irgendwie musste eine neue Generation gefunden werden, irgendwen der die DIY-Mentalität, Trotzigkeit und linke Politik verstehen würde, aber das mit etwas Neuem, Spannenden mischen könnte.

Nachdem ich nach Deutschland umgezogen bin, habe ich versucht aus der Entfernung Leute beim FC für einen aktiveren Support zu begeistern. Singen war nie ein Problem, eine Trommel oder ein Megaphon würde ich ungern dort sehen, aber mehr Doppelhalter, mehr Konfetti, mehr Fahnen würden dem Verein gut tun. Wenn man ständig gegen die gleichen Mannschaften spielt, muss was Neues für Spannung sorgen. Ich habe ganz lange einen Blog betrieben, alte Ultra-Fanzines, Bilder oder Aufkleber aus Deutschland habe ich bei Besuchen vo FC United-Spielen in die Hände von Freunden gedrückt. Und irgendwann letztes Jahr kamen plötzlich 4 oder so Leute zusammen. Ein Kumpel, der seit langem in Manchester gewohnt hatte, hat sich langsam aber sicher in den Verein verliebt. Durch AFA-Verbindungen (Anti-Fascist Action, Anm. d. Red.) hat er noch ein paar Freunde, MUFC-Fans und gelegentliche Besucher von FCUM-Spielen, zusammengekratzt. Plötzlich hatten wir eine Basis. Zusammen haben sie langsam mehr Freunde (manche neu zu Manchester und zum Verein, manche dabei seit ein paar Jahren) dazu geholt.
Nach offiziell einem Jahr gibt es eine Gruppe („The Giddys“), die zirka 18 Leute sind, davon mindestens 10 immer dabei, davon einige Eigeninitiative zeigen, und wo alle verstehen, dass es nicht nur um Fahne schwenken geht, sondern um mehr als das. Die neue Generation ist endlich da.

Die erste Kritik (die Vorwürfe „neu“ bei dem Verein zu sein, oder Politik rein ins Stadion zu schmuggeln, oder dass Tifo zu nutzen uncool sei) sind weniger geworden. Die Verbindungen mit der Vereinsführung haben sich auch intensiviert. Gruppenteilnehmer (es gibt zur Zeit kein Mitgliedssystem) unterstützen den Verein in diversen Rollen – Sozialarbeit, Interviews, Merchandise, allgemeine Hilfe in der Woche. Und dieses Jahr dank der Gruppe gab es Mini-Choreos und im Allgemeinen eine lebendige Kurve. Und sie haben Spaß dabei als ein Haufen Freunde.

Diese Saison hat nicht gut angefangen. Die Mannschaft hat langweiligen Fußball gespielt, wenig Tore geschossen und vor allem wenig Punkte gesammelt. Bis Oktober hatten schon die üblichen Trotteln auf dem, sowieso grausamen, FCUM-Facebookforum angefangen, die Entlassung des Trainers zu fordern. Im Voraus und bei der Jahreshauptversammlung gab es einen rechtsoffenen Kandidaten für das Gremium zur Wahl, es gab Mobbing im Hintergrund und es schien so, als ob billiger Fußball (unabhängig von Diskriminierung, Kommerz usw.) für einen Teil der FC-Fanszene durchaus reicht. Aber der rechtsoffene Kandidat tauchte auf der Versammlung gar nicht auf, er hat sowieso fast gar keine Stimmen bekommen, die Entscheidungen, die wir darüber abstimmen mussten, sind positiv und treu zum Ethos des Vereins ausgegangen.
Eine LGBTQ-Fangruppe hat sich auch im Laufe der Saison etabliert und sich sichtbar im Stadion gemacht und war sofort von der Fanszene akzeptiert. Auf dem Spielfeld lief alles auch plötzlich besser.
Ab Dezember hat die Mannschaft alles geschlagen, in der Liga und auch im Pokal (FA Trophy). Wir haben das Viertelfinale der FA Trophy geschafft und waren an der Spitze der Liga. Im April ist die Angst vor den Playoffs aber wieder aufgetaucht. Unser Vorsprung war plötzlich fast weg. Aber dann, auf einem Dienstagabend, haben wir ein 1-0 gegen Stourbridge geschafft. Nervosität ist zu Ekstase geworden. Bengalos, Platzsturm, feiern mit den Spielern, feiern in der Stadt. 6 Jahre in der gleichen Liga, 3 Playoff-Finale und ein Halbfinale verkackt, und nun endlich der Aufstieg als Meister!

Und dann durfte ich auch mitfeiern. Wie geplant, bin ich zum letzten Spieltag gefahren – auswärts in Workington. Klar war es eine erfolgreiche Saison, dann kommen natürlich mehr Leute zu den Spielen, aber unsere Zuschauerzahl ist wieder größer geworden, durch die Giddys fahren öfter inoffizielle Fanbusse. Und heute war kein Ausnahme. Selbst bei unserem Treffpunkt gab es einen Bus, den wir selber nicht organisiert hatten, plus einen für die alte Generation (meine Freunde, Leute rum um das ehemalige Fanzine „A Fine Lung“, plus der Didsbury Branch), plus eine für The Giddys und den LGBTQ Branch. Nicht schlecht für ein Auswärtsspiel in der 7. Liga.

Wir waren sogar vor dem Spiel schon Meister, also durften den Tag einfach genießen. Im Lake District haben wir eine Kneipe, die als Kooperative funktioniert, besucht. Viel Bier floss, viel Unterhaltung und ein Mob-Foto mit der Champions-Fahne.

Dann zum Spiel, in einem traumhaften alten Stadion. 90 Minuten gesungen und Fahnen geschwenkt, teilweise sogar mit den Ersatzspielern aus dem FCUM-Kader und dann auf dem Spielfeld wieder mit der Mannschaft gefeiert.

Ein Fußballverein, sogar einer mit so einer kurzen Geschichte, hat Höhen und Tiefen. Das wird weiter so bei uns bleiben. Ein Verein mit Demokratie, wo jeder Depp aus dem Internet kann auftauchen, sich als Mitglied anmelden und Scheiße labern, wird auch schmerzvolle Momente haben. Aber irgendwie am Ende gewinnen weiter die Guten. Unser Stadion wird diesen Monat endlich fertig sein, wir steigen auf, und an diesem Wochenende habe ich drei Generationen gesehen, die die gleichen Werte teilen, die halten, hängen und arbeiten zusammen und zusehen, ob nun als Vereinsmitglied, Fanzineschreiber oder Freiwilliger.

Teddy

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„ES GIBT KEINEN RICHTIGEN BALLSPORT IM FALSCHEN – FUßBALL UND KAPITALISMUS“

Eine derart überschriebene Veranstaltung lässt befürchten, dass die ohnehin schon schwer im Zaum zu haltenden Zweifel angesichts der Widersprüche zwischen Wunsch und Wirklichkeit eher noch Nahrung bekommen und einem als einziges Hilfsmittel der Besuch von Amateurfußball empfohlen wird.
Aber immerhin um die 40 weitere Personen waren am Abend des 13. April im Rahmen des von den Coloniacs veranstalteten „Kallendresser Live“ bereit, sich in den Räumlichkeiten des Kölner Fanprojekts vom Soziologen und freien Journalisten Jan Tölva aus Berlin (noch weiter) die Augen öffnen zu lassen.

In einem kurzen historischen Exkurs war zu erfahren, dass der Fußball, so wie wir ihn kennen, anfangs kein Arbeitersport war. Die ersten Fußballregeln entstanden 1828 mit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft zwecks Förderung des Gemeinsinns auf einem englischen Internat. Mit zunehmender Industrialisierung und der damit einhergehenden Entfremdung der Arbeiter dienten Fußballclubs der Identifikationsstiftung, weshalb z. B. oft auch Kirchengemeinden Fußballvereine gründeten. Die unappetitliche Funktion als „Wehrsport ohne Waffen“ erhielt Fußball durch die wachsende Nationalisierung. Der „moderne Fußball“ mit den Merkmalen Professionalisierung, Kommerzialisierung, Internationalisierung und Reglementierung begann im Grunde schon 1879, als Fußballspieler erstmals bezahlt wurden und kurz danach das erste Merchandising in Form von Sammelbildchen auf den Markt kam.

100 Jahre später geriet das Wirtschaftssystem, das wir als Kapitalismus kennen, in der Thatcher- und Reagan-Ära in eine Krise, von der auch der Fußball betroffen wurde. Um weiterhin Einnahmen zu generieren, musste also einiges geändert werden. In diese Zeit fallen Neuerungen und Änderungen wie z. B. höhere TV-Gelder, Pay-TV, Umorientierung auf die Mittelschicht als Publikum, Feuilletonisierung (Aufkommen von Fußball-Magazinen), Bosman-Urteil. Sowie eindeutig als positiv zu bewerten: eine bessere Jugendarbeit, mehr Spieler mit Migrationshintergrund, ein Wiedererstarken des zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreichen und 1921 faktisch verbotenen Frauenfußball und das Rüberschwappen der Ultrà-Bewegung von Italien.

Das, was wir also als „modernen Fußball“ ablehnen und versuchen zu bekämpfen, müsste korrekterweise „postmoderner Fußball“ heißen.
Unsere Vereine sind Wirtschaftsunternehmen, die der Unterhaltungsindustrie zugeordnet werden müssten. Haupteinnahmequelle sind die Fernsehgelder und das Merchandising. Unsere Mitgliedsbeiträge fallen kaum ins Gewicht, sie dienen eher der Kundenbindung. Die von uns geschätzten und mit vielen Hoffnungen bedachten Spieler sind Angestellte eines Unternehmens, geschult darin sich den Interessen ihres Arbeitgebers unterzuordnen. Im Hinblick auf ihre vergleichsweise kurze Verfügbarkeit müssen sie ähnlich selbständigen Unternehmern das Bestmögliche aus ihrem Marktwert rausholen, wobei sie zunehmend als „Ware“ fungieren. Jan Tölva nannte hier das Beispiel von Carlos Zambrano, von dessen Ablösesumme lediglich 30 Prozent an den FC Sankt Pauli gingen, die restlichen 70 Prozent dagegen an eine Schweizer Kapitalgesellschaft. Wenn wir einzelne Spieler als „Legionäre“ beschimpfen, werfen wir diesen im Grunde also vor, sich wie Arbeitnehmer zu verhalten, die mit der Aussicht auf einen besseren Job oder höheren Lohn den Arbeitsplatz wechseln.

Welche Funktion haben wir als Fans in diesem Wirtschaftszweig? Nun, wir kaufen Merch und Karten, konsumieren im Stadion und steigern den Mehrwert des Vereins durch unsere „Öffentlichkeitsarbeit“ in Form von Support und Choreos. (Zumindest solange vom DFB verhängte Verbandsstrafen den Profit nicht gefährden.)

Was RB Leipzig betrifft, vertritt Jan Tölva die Meinung, dass solche Konstrukte uns deshalb nerven, weil sie das Spiel nicht mitmachen, die Illusion nicht aufrechterhalten und sich ganz offen als Wirtschaftsunternehmen präsentieren. Er erinnert in dem Zusammenhang nicht nur daran, dass es mehrere Vereine gibt, die von „Mäzenen“ abhängig sind, sondern auch an die Vergesslichkeit der Fans hinsichtlich früherer Sponsoren (z. B. 1972-1986 Eintracht Braunschweig mit dem Jägermeister-Vereinslogo; Antrag des FC Sankt Pauli auf Umbenennung in „Deutscher Ring St. Pauli“).

Nun sind das alles Dinge, die wir vielleicht gar nicht so genau wissen wollen, weil uns das – ähnlich wie in Lems „Futurologischem Kongress“, „Matrix“ oder der „Truman Show“ – Illusionen raubt, Glauben und Idealismus zerstört.

Was also tun? Die von Jan Tölva wohl eher rhetorisch genannten Lösungsmöglichkeiten, nämlich Überwindung des Kapitalismus bzw. Verzicht auf Fußball, sind unrealistisch bzw. kommen weder für ihn noch für uns in Frage. Seinen Äußerungen nach bleibt uns wohl nichts anderes übrig als zu lernen diesen Widerspruch auszuhalten, nämlich dass wir unser Herz an ein Wirtschaftsunternehmen gehängt haben. Als wichtig sieht er Interventionen und Proteste an, weil durch Repression und Kommerzialisierung zunehmend das „Recht auf Fußball“ gefährdet ist.

In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion wurde unter anderem das Horrorbild einer „Hoffenheim-Ingolstadt-RBLeipzig-Liga“ gemalt, aber auch über die Funktion von Fanvereinen als eventuellen Hoffnungsträgern geredet. Angesprochen auf sein ganz persönliches Bewältigungs-Rezept, nannte Jan, der als langjähriger Anhänger seines Vereins über genug Erfahrung mit Tragik ist wie Liebe ohne Happyend verfügt, als Alternative „Diversifizierung“, oder anders gesagt, „Polyamorie“ beim Fußball.

Bevor man sich vor lauter Frust in die Gleichgültigkeit von Bundesligakonferenzen beim Pay TV verabschiedet, ist es neben dem therapeutischen Hoppen vielleicht wirklich einen Versuch wert, einen Teil seiner Zuneigung einem weiteren Verein zu geben um die Widersprüche besser aushalten zu können.

Ricordate

Audiomitschnitt des Vortrags vom Juli 2014

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SYNTOPIA

Wie vielleicht schon einige von euch mitbekommen haben, gibt es seit August 2014 einen neuen Ort für selbstverwaltete und organisierte Kultur in Duisburg; das Syntopia im Herzen von Hochfeld, einem EU- anerkannten sozialen Brennpunkt. Entstanden ist dieses Projekt aus dem Mustermensch e.V. und der Kampagne DU it yourself, einer Gruppe Menschen, die sich nicht mit der (sub-)kulturellen Ödnis in Duisburg abfinden wollten. Nach jahrelanger intensiver Suche nach einer geeigneten Immobilie für ein neues soziokulturelles Zentrum und ebenso ergebnislosen Gesprächen mit der Stadt wurde es einfach Zeit, einen gemeinsamen Treffpunkt zu finden, denn wie es die Vergangenheit schon mehrfach gezeigt hatte, ist ein solcher nötig um die Menschen und Energien zu bündeln, die es braucht um sich den Traum vom Freiraum zu erhalten. So wurde dann im Sommer nach diversen Plena der Entschluss gefasst, ein ehemaliges Büdchen anzumieten, um zumindestens ein kleines Vereinslokal unser Eigen nennen zu können. Und wie erhofft kamen durch diesen Schritt die Leute wieder aus den Puschen und der Aktivenkreis wurde zunehmend größer, so dass das Projekt beherzt in Angriff genommen werden konnte. Da wie erwähnt Hochfeld ein sozial schwach strukturierter Stadtteil ist, sollte sich allerdings nicht nur auf unsere Aktivitäten konzentriert werden, sondern auch die Nachbarschaft mit ins Boot geholt werden, wobei wir im Voraus nicht die geringste Ahnung hatten, wie wir überhaupt bei dieser (manchmal auch recht schwierigen) Klientel ankommen würden. Gerade die alt eingesessenen Hochfelder Syntopisten hatten da ein wenig Zweifel.
Probieren geht aber immer über studieren und so eröffneten wir im August den Laden mit einem Kennenlernwochenende, bei dem es über politische Vorträge, Kaffee und Kuchen, Aktionen für Kinder und einer kleinen Party genug Möglichkeiten gab , sich der Nachbarschaft positiv vorzustellen.
Diese Kontakte mit der Hochfelder Bevölkerung konnten zwei Wochen später auf einem Straßenfest vom Hochfelder Klüngelclub (eine Stadtteilinitiative) noch intensiviert werden, vor allem unsere Givebox fand regen Anklang, bei der Musikauswahl sollten wir nächstes Mal allerdings besser ein Wörtchen mitreden ;) .
Bis jetzt kann ich das Syntopia nur als vollen Erfolg bezeichnen. Ganz viele unterschiedliche Menschen haben es in einem halben Jahr geschafft das ehemalige Büdchen mit Leben zu füllen, seien es die Filmabende der Crème Critique, diverse politische Vorträge, die Hausaufgabenhilfe für Kids aus dem Kiez, die Lebensmittelausgabe an sozial Schwache oder einfach gemütliche Kneipenabende, manchmal mit und manchmal ohne Motto. Ein kleines Akustikkonzert haben wir auch schon spontan durchgezogen und ohne Probleme mit den Nachbarn. Mal sehn, was da noch geht. Schön auch zu sehen, dass der Laden inzwischen auch überregional angenommen wird, gerade aus der Landeshauptstadt schauen immer mal wieder spontan einige Leute rein. Hoffen wir mal, dass das Projekt weiter so gut läuft. Bei mehr Interesse einfach unter syntopia.info gucken oder einfach mal reinschauen auf der Gerokstraße 2 in Duisburg-Hochfeld.

Dirk


(Foto von der Syntopia-Seite)

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1400 km für 17 Minuten Fußball

Nachdem wir leider unseren Bus absagen mussten, fand sich eine Fangruppen-gemischte Reisegruppe um per 9er nach München zu fahren.

Um 4 Uhr in der Frühe ging es für mich los zum zentralen Treffpunkt in Bonn. Die ersten 300 Kilometer auf der A3 verliefen reibungslos, wir kamen gut durch und staunten nur über Hunderte von Pkw mit niederländischen Kennzeichen. Trotz zahlreicher Pinkelpausen (B. hatte uns gewarnt, wenn er Bier trinkt …) lagen wir richtig gut in der Zeit. Also waren wir auch entspannt drauf. Doch dann kam es dicke und wir fanden uns mir nix dir nix in einem Megastau wieder. Erst hieß es „8 Kilometer Stau“ und wir dachten, dass wir da ganz gut durchkommen, hatten ja auch noch genug Zeitpolster. Nix da 8 Kilometer! Es waren dann 21 Kilometer gepaart mit einer Vollsperrung. Fast 2 Stunden ging nix mehr.

Galgenhumor und ne Kanne Bier waren angesagt um das Ganze erträglich zu machen. Wenigstens hatten wir genug Getränke und Essen an Board.

Es hieß dann erstmal auf der Autobahn spazierengehen, sich zu den Klängen aus dem niederländischen Wagen vor uns im Jumpstyle versuchen und die Leitplanken verschönern. Mit diversen Handy-Apps und Staumeldungen wurde hin und her gerechnet. Es war nämlich nicht der einzige Stau auf der Strecke. Würden wir es noch rechtzeitig zum Anpfiff schaffen? Irgendwann kam die Überlegung auf, nach dem Stau umzudrehen um Geld zu sparen, sollten wir es gar nicht mehr rechtzeitig schaffen. Oder nur bis Würzburg zu fahren um wenigstens dort etwas Fußball sehen zu können. Irgendwann ging es langsam wieder weiter und wir rollten an der Unfallstelle vorbei. Ein LKW lag auf der Seite und versperrte einen Teil der Autobahn. Drumherum waren Zelte von Feuerwehr und THW aufgebaut, an einem Stand wurde Kaffee ausgeschenkt. Sah gemütlich aus. Für uns hieß es Gas geben und alles aus dem 9er raus holen, was ging. Unsere Entscheidung stand: wir fahren weiter und versuchen es!

Haben dann noch einen Umweg nehmen müssen um nicht noch in den nächsten Stau zu kommen. Das Spiel war schon längst angepfiffen und so mussten wir über Handy dem AFM-Radio lauschen. Kurz vor München dann, wie sollte es auch anders sein, STAU! Ich kotz ins Essen! Und dann war auch noch der Tank auf Reserve. Ich sah schon jemanden von uns mit einem Benzinkanister die Autobahn entlanglaufen. ;)
Kamen doch noch rechtzeitig an einer Tankstelle an. Mittlerweile war Halbzeitpause und die Laune im Keller. Aber so kurz vorm Stadion war klar: das ziehen wir jetzt durch! Der Busparkplatz für Gäste war mit einer Schranke verschlossen, was uns aber nicht sonderlich störte. Auto abgestellt, von den 1860er-SVlern unbehelligt durchs Parkhaus hoch, Eintrittskarten vorgezeigt und ab ins Schlauchboot.

Yeah, 73. Minute schon! Sauber, dann können wir ja noch 17 Minuten das Spiel gucken! Wenigstens konnten wir uns noch am Tor von Nöthe erfreuen. Zur Stimmung kann ich schwer was schreiben, da wir nur eine Viertelstunde von allem mitbekommen haben. Die Heimseite war dank der Führung gut drauf und ziemlich laut, aber nach dem Anschlusstreffer keimte auch bei uns wieder Hoffnung auf und unser Block wurde lauter. Spiel vorbei, 13. Spiel verkackt, Mannschaft verabschiedet und zack wieder raus aus dem Stadion und ab zum Auto.

Nach einer Zigarettenlänge am Auto fanden wir uns auch schon auf der Autobahn wieder. Der Rückweg verlief diesmal ohne besondere Vorkommnisse, lediglich noch ein kleiner Stau vorm Tresen beim Fastfoodhändler. Um 23 Uhr war man dann wieder zu Hause.

1400 Kilometer und 18 Stunden Fahrt für 15 Minuten Fußball gucken! Ist das nix?! So eine Fahrt war für uns alle eine Premiere. Ich hoffe, dass es das erste und einzige Mal war. Aber solche Faktoren wie LKW-Unfälle kann man nicht einkalkulieren. Vor allem keine Vollsperrungen.

Sportlich sieht es bei unserer Mannschaft nicht gut aus. Kämpfen tun sie ja und das sieht auch gut aus. Die Unterschrift von Trainer Lienen ist schon zu erkennen. Viel Biss und Kampf, aber irgendwie reicht das immer noch nicht, weil der Sturm vorm Tor nur verkackt. Voran FCSP!

Jules

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RED BULL VERLEIHT FLÜGEL…
Auf die LOKere Schulter genommen?

Ach, warum pöbeln auch wir jetzt gegen Red Bull Leipzig? OK, sie sind auf ihrem Weg in die Champions League in unserer Spielklasse angekommen. Aber ist das nicht eigentlich eher für Fans aus Ostdeutschland? „Jogginghosen-Ultras verbrüdert im Kampf gegen den Kommerzkack von Dosen Leipzig?“ oder so ähnlich? 0815-T-Shirt-Botschaften aus dem Ebay-Shop für den „Ultra“, bevor sich sich jedermann mit „Speziale Libero“ eindecken musste? Ist die Diskussion nicht viel zu unreflektiert geführt worden und mittlerweile eh schon durch?
Die gängigen Contra-Argumente zum Produkt Rasenball kennt ihr ja sicherlich alle schon zu Genüge, die Frage warum RB Leipzig also existiert, sollte damit sicherlich für jeden/jede ausreichend beantwortet sein.
Dass RB Leipzig im Fußballgeschäft überhaupt mitspielen darf, ist sicherlich auch einem geschickten Schachzug der Marketingexperten von RB zu verdanken. Die Standortauswahl ist traurigerweise schlichtweg genial: eine Großstadt im Profifußball-Niemandsland, Leipzig ist Gründungsstätte des DFB, hat das moderne Zentralstadion seit 2006 mehr oder weniger leer stehen und besitzt dazu im Vergleich zu anderen ostdeutschen Städten zwar Fußballtradition, ist aber ohne klaren Stadtverein. Letzteres ist sicherlich der besonderen Konstellation rund um LOK und Chemie, ihren Vorgängervereinen und Abspaltungen geschuldet.
Dazu kommt, dass ohne RB die neuen Bundesländer wohl auf nicht absehbare Zeit von der Bundesligalandkarte verschwinden würden. Ihre letzten Vertreter sind mit Cottbus und Rostock wohl soweit von Liga 1 entfernt wie selten zuvor, Dresden hätte zwar das Potential, schlägt sportlich aber gerade die andere Richtung ein und die verbliebenen 2. Ligisten Aue und Union sind von ihrer Infrastruktur wohl eine Nummer zu klein um sich dauerhaft im Oberhaus zu etablieren.
Dieses Angebot war für den DFB und den sächsischen Fußballverband einfach zu verlockend. Da wurde über den einen oder anderen Makel im Wappen oder in der Vereinssatzung großzügig hinweg gesehen.
Zudem versprach RB eine weitere einfache Antwort auf ein großes Problem: In vielen Orten Ostdeutschlands setzt sich das Fußballpublikum immer noch anders zusammen als im Westen. Auch innerhalb von Leipzig, wo sich der bürgerliche Fußballfan bisher zwischen LOK-Hools und vermeintlichen Links-Chaoten bei Chemie sah, bietet die RB-Propaganda jetzt einen Stadionbesuch ohne Gewalt und Rassismus.
Dabei gehen sie, gerade was die Baustelle Rassismus und Diskriminierung betrifft, durchaus vorbildliche und für die Region untypische Wege. Beispielsweise die Zusammenarbeit mit der Kampagne „Show Racism the Red Card“, welche die Plattform der Vereine und Profifußballer nutzt, um pädagogische Bildungsarbeit mit Schülern und Schülerinnen zu leisten. Auch die noch junge Fanszene der Bullen engagierte sich in der „Fußballfans gegen Homophobie“-Kampagne und solidarisierte sich mit Showan Shattak. Bei RB gibt es also das Fußballerlebnis für die ganze Familie, ganz nach den Vorstellungen des ein oder andern Verbandsfunktionärs. Es sind wohl keine Einzelfälle, wenn junge Familien ihre Kinder mit zu RB Leipzig nehmen, obwohl sie selbst im Umfeld der Stadtrivalen sozialisiert wurden.
Ist RB also ein Verein, gegen den man nicht zwingend hetzen muss und ein Auswärtsspiel in Leipzig ein willkommener Kontrast zu dem, was uns sonst in der Liga erwartet?
Aber ein entspanntes Auswärtsspiel können wir wohl nicht erwarten. In der letzten Spielzeit berichteten beispielsweise die Fans von Hansa Rostock oder dem MSV Duisburg von Stress und Ärger beim Einlass oder im Block selbst. Beim DFB und der DFL gehen nach den Heimspielen der Leipziger regelmäßig Beschwerden der Fanbeauftragten und Fanprojektler ein. Vertreter der Stuttgarter Kickers beschwerten sich in der Rückrunde gar öffentlich über das Vorgehen der Ordnerstaffel im Gästeblock gegen ihre Fans. Auch zu Regionalligazeiten hatte der Leipziger Ordnungsdienst schon seinen Ruf weg, wie z. B. die Beschwerden der Plauener Fans und Funktionäre zeigten.
Den Ordnungsdienst im Gästeblock des Zentralstadions stellt die Firma „Black Rainbow Security“, auf deren Homepage einem zuerst das Logo der „Vereinigung der Türsteher Ostdeutschlands“ ins Auge fällt. Unter ihren Referenzen führen sie unter anderem die Absicherung der letzten Tournee der Böhsen Onkelz auf.
So wundert es auch nicht, dass ein Großteil der am Gästeblock eingesetzten Ordnern aus der Fan- und Hooliganszene des LOK Leipzig rekrutiert wird (ironischerweise also direkt von einem „Anti-Red Bull“ Verein). MSV-Fans berichteten, dass der ehemalige LOK-Hool, Fanbeauftragte & Vereinspräsident Steffen Kubald dort als Abschnittsleiter fungiert. Der Dortmunder Fanbeauftragte bestätigte dies ein paar Wochen später nach dem Gastspiel der 2. Mannschaft in Leipzig. Dazu waren fast 100% der Ordner durch Tätowierungen oder Kleidung der LOK-Szene zuzurechnen.
Im Allgemeinen ist RB Leipzig nicht der einzige Verein, der rechtsoffene Ordner beschäftigt. Das kennen wir beispielsweise auch aus Braunschweig oder Cottbus. Aber der Einsatz von LOK-Hools und Nazis als Ordnungsdienst widerspricht der sonst gepredigten antidiskriminierenden Position des Vereins und der „familienfreundlichen“ Einstellung. Für uns als „Zecken“ besteht hier wieder einmal die Gefahr, dass wir die Einlasskontrollen länger in Erinnerung behalten werden als den Besuch der Nikolaikirche oder der Innenstadt-Pubs. In diesem Sinne: Augen auf!

Teddy und Christian

(Artikel aus ZB 10)

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Das Leben des Ultras in Deutschland steht unter dem Zeichen von „mentalità“. Ein 24/7 „weh ov laif“. Zum Beispiel der Kampf nicht gelangweilt auszusehen bei einer Buchvorlesung von Kai Tippmann, wenn man lieber Randale machen würde oder Carhartt & Air Max 1s shoppen gehen um sich richtig zu verkleiden für den Widerstand gegen den Kommerz – es gibt als Ultra immer was zu tun!

Nebenbei versucht die DFL lächerlicherweise ein bisschen Interesse an dieser „Fußball“ Spielerei durch ein „Punkt & Liga“ System zu wecken, aber jeder weiß, dass diese 90-Minutenpause ist nur Nebensache. Nee, wo die echte Konkurrenz liegt, wo alles wirklich zählt, ist die sogenannte „Sektion Selbstdarstellung“. Nix drückt Ultra so gut aus, nix sagt so deutlich „Wir scheißen auf Promis und Branding“ wie ein gepflegter Blog oder Webauftritt, der einen wesentlich spannenderen Eindruck hinterlässt als das „real life“ der 20 oder so Ottos, die in der Ultragruppierung rumlungern.
Aber bis jetzt hat niemand versucht Ultrawebauftritte zu beurteilen und zu vergleichen. Wenn Ultra wirklich eine Alternative zu dieser beschissenen Leistungsgesellschaft anbieten soll, müssen wir unbedingt die besten & stärksten Webauftritte der Ultras anerkennen und ihre Mühe loben!
Deswegen bieten wir ab sofort die erste Ultrawebauftrittliga der Welt (na ja, Deutschlands) an!

Die Regeln: Als Ultras sind wir natürlich subkulturell, wild und frei und ihr könnt uns nicht zurück halten! Aber um einen fairen Vergleich zu schaffen, müssen wir definitiv ein paar Regeln für die Liga klären (am besten in einem langen Plenum, wo nur die Männer reden (und zwar lang und selbstverliebt), viel Mate getrunken wird, und alle Leute versuchen nicht gelangweilt auszusehen, während sie sich fragen, wann sie endlich mit dem Gelaber aufhören können und draußen eine Tüte rauchen dürfen).

Hier sind die Regeln:

• Ultrawebauftritte werden gegen die Konkurrenz aus der gleiche Fußballliga verglichen
• Nur Ultrawebauftritte von Gruppen, die ich kenne, werden bewertet. Es interessiert mich einen Dreck, wenn ein paar Hippies haben sich von Herne Inferno Maddogs gesplittet und eine neue Gruppe mit schickem Logo und Tumblr Account erstellt. Wenn ich die nicht kenne, spielen sie nicht mit (Direttivo und so).
Die Bewertung von Fotos wird nur per „Random Click“ stattfinden. Ich suche mich nicht durch jeden Webauftritt, denn das wäre erstens fairer und zweitens langweilig für mich.
Die Punkte werden folgendermaßen vergeben:
1. Verwendung eines Lorbeerkranzes +3 Punkte
2. Mann oder männliches Gesicht im Logo +3 Punkte
3. Mehrfarbiger Balken im Websitedesign +3 Punkte
4. Dreifarbiger Balken im Websitedesign bei nur 2farbigen Vereinsfarben (siehe Bremen und Bochum) +5 Punkte
5. Schriftart ähnlich zu „College“ auf dafont + 5 Punkte
6. Schriftart ähnlich zu „Ultras Liberi“ auf dafont + 10 Punkte
7. Websitestruktur „News/Fotos/Streetart/Wer wir sind/Contact“ +1 Punkt
8. Martialisches Foto, das man anklicken muss, bevor man auf die Webseite kommt +10 Punkte
9. Stellungnahme zu „Über uns“ mit mehr als 5 Absätzen + 5 Punkte
10. Stellungnahme zu „Über uns“ mit Erwähnung von „Unpolitisch“ + 10 Punkte
11. Martialisches Mob- oder Kurvenfoto mit ganz klar weniger als 20 Leuten vor Ort + 5 Punkte
12. Mobfoto allgemein + 2 Punkte
13. Mobfoto mit Püro, aber auf einer Raststätte +3 Punkte
14. Mobfoto vor heruntergekommenem Gebäude +10 Punkte
15. Martialischer Hund mit menschlichen Muskeln + 50 Punkte
16. Tumblr-ähnlicher Auftritt mit FilterFotos von der Stadt, Aufkleber, Mateflaschen, und allgemeinem Lokalpatriotismus + 10 Punkte. Geht doch zu BAFF, ihr Hippies!

Ergebnisse:

1. FC Köln
Wilde Horde: 3 Punkte (2.)
Überraschend viel Mentalità hier. Sie beschäftigen sich anscheinend mit Sachen wie Malen und zum Fußball zu fahren, was natürlich enttäuschend ist. Respekt aber, dass sie mit den Spielern beim Aufwärmen reden – ihr seid nur Kunden!
Coloniacs: 11 Punkte (2., 3., 9.)
Boyz: 5 Punkte (12.)
Starkes Video mit Vermümmung, Streetart und Püro.
SpVgg Fürth
Horridos 1000: 17 Punkte (9., 12., 16.)
Separater Fotoauftritt und sonst nur Gelaber
1. FC Kaiserslautern
Frenetic Youth: 6 Punkte (2., 9.)
Nur 1 Punkt fürs Logo, weil sie jetzt eines nur mit Text haben.
Generation Luzifer: 14 Punkte (1., 7., 8.)
Pfalz Inferno: 12 Punkte (9., 12.)
10 Punkte für die „Über uns“-Sektion, weil sie über 3(!) Seiten verteilt ist, komplett mit Gruppenstruktur.
Die Faulis
Ultrà Sankt Pauli: 10 Punkte (3., 4., 7., 13.)
Keine „Über uns“-Sektion und Püro nur am Strand.
Sankt Pauli Mafia: 24 Punkte (1., 7., 11., 12., 13., 16.)
Skinheads Sankt Pauli: Keine Punkte.
Sie nutzen noch Myspace! Vor 10 Jahren hatten sie keine Glatzen sondern Emofrisuren, Van Slipons und hörten My Chemical Romance!
Karlsruher SC
Phoenix Sons: 1 Punkt (7.)
Ok ist nur dieser Zusammenschluss. Das Video „KSC – Unsere Liebe lässt uns siegen“ ist aber martialischer als Pirates of the Caribean.
VfR Aalen
Crew 11: 10 Punkte (2., 11., 12.)
SC Paderborn 07
Fontes Baderae: 12 Punkte (12., 14.)
Mobfoto vor dem Aalen-Stadion.
Fortuna Düsseldorf
Hypers: minus 7 Punkte (1., 2.)
Sie haben auch ein Gürl im Logo – keine Ähre im Laib. Keine Mobfotos, ich zweifel sogar, ob sie wirklich Mitglieder haben und nicht nur Likes.
Dissidenti Ultras: Keine Punkte.
Sehr schwacher Auftritt voller Studi-Scheiße wie z. B. Sachen zum Lesen.
Ultras Düsseldorf: 6 Punkte (1., 2.)
VfL Bochum 1848
Melting Pott: 10 Punkte.
Diese Gruppe hat gar keinen Webauftritt! Aber 10 Punkte, weil ihre Fotos bei Instagram auftauchen.
Ultras Bochum: Keine Punkte.
Auch nix. Aber Lob an Commando Ultra, die das Wort „Ähre“ verwenden.
TSV 1860 München
Giasinga Buam: 45 Punkte (1., 3., 4., 7., 8., 9., 12., 13., 16.)
Zwei Lorbeerkränze.
SV Sandhausen
????: Keine Punkte.
Ein Facebook-Profil mit 36 Laika.
FSV Frankfurt
Senseless Crew: 10 Punkte (9., 11.)
Fast punktlose Crew.
Pugnatores: 20 Punkte (11., 12., 13., 16.)
SG Dynamo Dresden
Ultras Dynamo: 27 Punkte (6., 8., 9., 12.)
Shop? Shop?!?!
Solo Ultra: 13 Punkte (2., 11., 12., 13.)
Wismut Aue
Fiavola Sbor: 21 Punkte (1., 2., 8., 9.)
FC Ingolstadt 04
Ultra Style Ingolstadt: 26 Punkte (2., 3., 10., 11., 12., 13.)
Arminia Bielefeld
Local Crew: 3 Punkte (3.)
FC Energie Cottbus
Ultima Raka: 18 Punkte (3., 4., 8.)
Schon wieder ein Shop! Diese Ossis!

Ultrawebauftrittliga für Liga 2

1. Giasinga Buam 45
2. Ultras Dynamo 27
3. Ultra Style Ingolstadt 26
4. Sankt Pauli Mafia 24
5. Fiavola Sbor 21
6. Pugnatores 20
7. Ultima Raka 18
8. Horridos 1000 17
9. Generation Luzifer 14
10. Solo Ultra 13
11. Pfalz Inferno 12
Fontes Baderae 12
12. Coloniacs 11
13. Ultrà Sankt Pauli 10
Crew 11 10
Melting Pott 10
Senseless Crew 10
14. Frenetic Youth 6
Ultras Düssldorf 6
15. Boyz Köln 5
16. Wilde Horde 3
17. Phoenix Sons 1
18. Skinheads Sankt Pauli, Dissidenti Ultras, Ultras Bochum 0 Punkte

Fazit:

- Der Lorbeerkranz ist beliebt nicht nur, weil er ein Logo schön ergänzt, sondern weil wir trotz des sportlichen Niveaus insgeheim alle doch nach Anerkennung unserer Gruppe streben. Vielleicht wieder ein Zeichen dafür, dass oft eine Gruppe wichtiger ist als der sportliche Erfolg.
- Männliche Logos: nach wie vor ist Fußball stark von Männern geprägt. (Und die Mädels machen den Stand.)
- Mobfotos auf Raststätten: wir verbringen mehr Zeit unterwegs als bei Choreovorbereitungen oder beim Spiel. Zeigt auch, wie wichtig der Gruppenzusammenhalt ist.
- So unterschiedlich die Webauftritte sind, hält es aber (bis auf Bochum) jeder für wichtig im Internet präsent zu sein. Deswegen darf die Online-Anziehungskraft nicht unterschätzt werden, egal wie oft Leute über FB oder Smartphones meckern.
- Dank Webauftritt kann sich jedes noch so kleine Inferno Harsewinkel als Ultragruppe präsentieren. Durch dieses Überangebot an Webauftritten wird es aber auch immer schwieriger Klischees zu vermeiden. Oder ist Ultrà mittlerweile zu einem Klischee verkommen?

Will Sterger

(Artikel aus ZB 9)