Versuchen wir jetzt erstmal den ganzen Mist von letzter Woche zu vergessen – die verbalen Amokläufe der Presse, die Lügen der Polizei und das miese Gefühl von Verletzlichkeit, wenn jemand in dein Zimmer eingebrochen ist – und spulen den Film zurück zu
Donnerstag, 6. Januar
Immer wieder spitze ich die Ohren, wenn im Radio „Andrea“ erwähnt wird, obwohl mittlerweile klar sein dürfte, dass nicht die Kollegin gemeint ist sondern der gleichnamige Sturm. Die Macht der Konditionierung. Auf dem Weg zum Treffpunkt macht sich „Andrea“ aber erst ab Köln bemerkbar und die Geschwindigkeit wird halt auf gut 100 km/h gedrosselt. Am Treffpunkt bleibt noch Zeit für einen Kaffee und Klönen mit Hage, die leider nicht mitfährt. B. trifft verspätet ein und wir bestaunen seine Motorhaube, die durch den Rost an Blätterkrokant erinnert.
Los geht’s.
Wir kommen zügig voran. Mein Plan, die überflüssigen Weihnachtssüßigkeiten loszuwerden, geht perfekt auf, denn die beiden D.s greifen regelmäßig in die mit voller Absicht zwischen ihnen platzierte Dose. Kontrovers wird darüber diskutiert, ob ein Kaffee auch mit Vodka gepimpt werden darf. Andere Probleme haben wir zu dem Zeitpunkt nicht.
Nach dem Einchecken im zweiten Zuhause gehen wir direkt ins Portugiesische Viertel und lassen uns fast alle vom Wirt überzeugen, die gegrillte Dorade zu nehmen. Sicher wollte er auch einfach nur seine Vitrine leer bekommen, aber der Fisch war wirklich gut.

Zur Spätvorstellung treffen wir am Cinesonstwas am Dammtor ein. Duke versucht alles, um uns davon zu überzeugen, dass „Der gestiefelte Kater“ mit Sicherheit anspruchsvoller sei als der von uns auserkorene „Blutsbrüdaz“. Keine Chance, wir wollen lieber prollig sein. Das wollten Andere wohl auch.
Das Gegröle auf der Nottreppe über uns habe ich nur als normales Verhalten angetrunkener Jungmänner eingeordnet und war dann doch etwas verblüfft, als mir eines der Exemplare an den Schal wollte. Auf fremdem Terrain ist ja eher Vernunft angesagt und weil wir die Lage und das Verhalten der Security nicht einschätzen konnten, sind wir rein in die Vorhalle. Die HSVer blieben wie nicht eingeladene Vampire draußen stehen und beschränkten sich auf verbale Eierschaukelei, die Security stürmte raus, Polizei war schnell da und alles löste sich zügig auf.
Irgendwie asi, aber trotzdem klasse die Reaktion eines Bushido-Verschnitts, über den wir uns anfangs etwas amüsiert hatten, der aber ohne Zögern nach vorne kam und nach der wohl eher rhetorisch gemeinten Frage „was willst du denn?“ einem HSVer direkt eine dengelte.
Wenn man nicht den Fehler macht, zu hohe Maßstäbe an Figurenzeichnung und Plot zu legen, ist „Blutsbrüdaz“ wirklich unterhaltsam und hat uns mehrere Einzeiler geliefert. Sido ist überhaupt nicht mein Fall, aber er kann sich selbst auf die Schippe nehmen, wozu der geschäftstüchtige homophobe Sexist eben nicht in der Lage ist.
Zurück ins Hotel, wo ich dann schließlich einschlief, während aus dem Nebenzimmer noch das Gackern der beiden D.s zu hören war.
Freitag, 7. Januar
Nicht alle aus der Gruppe kannten die Möglichkeit einer preiswerten Hafenrundfahrt mit der Personenfähre, also sind wir bei Sonnenschein und kaltem Wind runter zu den Landungsbrücken und am Fischmarkt an Bord der Linie 62 Richtung Finkenwerder und retour.

D. wollte anschließend nach einer geeigneten Kappe suchen, weshalb ich mich lieber absetzte (mit Männern shoppen gehen kann sooo anstrengend sein) und Besorgungen machte. Wieder zurück im Hotel war der Nachzügler-Wagen dann auch eingetroffen, gemeinsames Essen im Tandur und Vorbereitung fürs Hallenturnier. M. hatte erstmals die Schwenkfahne mit unserem neuen Logo dabei und wir konnten es wohl alle kaum erwarten, die endlich einsetzen zu können.
Schöner Marsch von der Haltestelle Lattenkamp zur Alsterdorfer Sporthalle, und den Einsatz von Pyro und Rauch empfand ich als gut dosiert und gelungen.
Im Grunde müsste ich etwas zum Polizeiaufgebot und -auftritt während des Marsches sagen. Leider bin ich mittlerweile wohl so dran gewöhnt (abgestumpft?), dass ich mich gar nicht mehr darüber aufregen kann.

Bis wir in der Halle waren, dauerte es etwas, was mit an den zum Teil unbedarften/inkompetenten Ordnungskräften lag.
Auf dem Weg zu den Frauentoiletten musste ich zwei Hamburger Gitter passieren, die durch einen (1) Ordner geschützt wurden. Putzig. Nein, ehrlich gesagt war das eine verdammte Fahrlässigkeit seitens des Veranstalters.
In der Halle kam es beim Banneraufhängen zu einer Rangelei, weil der übermotivierte dicke Ordner versuchte, das USP-Banner herunterzureißen. Jetzt im Nachhinein frage ich mich, ob der da diesbezüglich Erfahrung hat.
Vor unserem Block und am Rand hoch marschierte direkt Polizei in Vollmontur auf, Handschuhe an, Visiere runter. Verstanden habe ich das immer noch nicht, aber den Widerspruch alleine zwischen den Zahlenverhältnissen hat ja schon der MagischeFC deutlich gemacht.
Vorm Gästeblock habe ich keine Polizei gesehen und nur wenig Ordner. Vielleicht hätte es uns stutzig machen sollen, dass die „Gäste“fans keinerlei Material dabei hatten. Ich glaube aber, dass die wenigsten von uns gedanklich in dieser Schiene drin waren, in der sich Nazihools und Prollultras eben ständig befinden. Na ja, wieder an Erfahrung gewonnen.
Während der ersten Partie sah es so aus, als versuchten die „Gäste“fans den ersten Ausbruch. Daraufhin zogen im Block gegenüber auch mehr Security und Polizei auf.
Als auf der Tribüne links von uns die ersten Gestalten auftauchten, tickerte es bei mir im Kopf los: die wollen an die Banner – du wirst nicht rechtzeitig unten sein – da sind doch so viele von uns, warum tun die nichts? – wir müssen auf unser Material aufpassen. Es war ein richtig mieses Gefühl, untätig zuschauen zu müssen, wie das RambaZamba-Banner beim Rettungsversuch zerrissen wurde und nicht verhindert werden konnte, dass so ein Arschloch mit dem „Kein Mensch ist illegal“ abhauen konnte. Und wer ähnlich wie Herr Rauball der Ansicht ist, kein Banner rechtfertige einen solchen Aufstand/Aufwand, der ist herzlich eingeladen seine Meinung ggf. zu überdenken.
Als D. wieder neben uns stand und wegen der vollen Ladung Pfeffer nichts mehr sehen konnte, versuchte ich zur Toilette zu gelangen, um Wasser zu holen, kam aber nicht weit. Der Zugang zu den Toiletten war durch eine Polizeikette abgesperrt, aber bereits vorher bekam ich Brecheiz, Atemnot, brennende Augen und schlechte Sicht durch die Kontaktlinsen wegen des Pfeffers in der Luft. Am Getränkestand füllte man meine Becher anstandslos auf, so dass wir D.s Augen spülen konnten. Danke auch an den kompetenten Helfer!
Wir entschlosssen uns, das Material zusammen zu packen und versuchten einen Überblick zu bekommen. Auszuhalten war es nur auf der Terrasse, die aber nicht sicher genug war, weil bereits „Gäste“fans versucht hatten, von unten her einen Angriff zu starten. Das Material erwies sich wirklich als Hindernis, also beschlossen wir, dass ein paar von uns, die sich auch aktiv würden verteidigen können, die Sachen per Taxi ins Hotel zurückbringen. Zuerst wollte kein Taxi zur Halle kommen. Nachdem klar war, dass wegen der Sperrungen auch kein Wagen in die Straße würde kommen können, teilten wir uns auf. M. und ich näherten uns dem Braamkamp, und nachdem wir eine Taxe vorbeifahren sahen, holte M. die anderen, während ich die nächste vorbeifahrende Taxe auf dem Braamkamp stoppte. Material im Hotel verstaut und mit dem Taxi zurück zur Halle.
Alle standen draußen, die vielen von der Polizei Festgesetzten mussten sich weiter hinten befinden. Unsere Gruppenmitglieder versammelt und abgewartet in der Hoffnung, wir würden erfahren, wohin die Festgesetzten verbracht werden. Die Polizei wollten uns aber vorher weghaben, begann Ketten zu bilden und in unsere Richtung zu gehen.
Der Rückmarsch gefiel mir vom Sicherheitsaspekt her überhaupt nicht. Egal ob der Lübecker Scum samt HSV-Homies nun schon weg war oder nicht, sollten in solch einer Situation grundsätzliche Standards von uns allen eingehalten werden. Basisdemokratie taugt da gar nichts.
Am S-Bahnhof Lattenkamp unnötige Machtspielchen der Polizei. Meine Güte, es wäre so verdammt einfach, durch kleine Gesten für Deeskalation zu sorgen, aber in Hamburg entscheidet man sich immer wieder für genau das Gegenteil.
Der Ausgewogenheit halber: noch in der Halle an der Feldstraße inmitten einer Gruppe von eigenen Leuten einen Böller zu zünden, fand ich auch mehr als unnötig. Hätte ich denjenigen gesehen, hätte ich ihm eine geknallt.
Ineffektives Rumlungern vorm Jolly Roger. Ganz sinnlos war es aber nicht, denn wir konnten den „Bürgermeister“ aus Lüttich wieder begrüßen. Später zum Essen ins Feuerstein und dann schafften wir es wirklich noch auf die Drum‘n'Bass-Trash-Party in die Flora. Eigentlich waren der MagischeFC und ich zum „Ich gehe Electro tanzen“ verabredet, aus nachvollziehbaren Gründen hatte er sich aber nach der Halle verabschiedet und war dann im Gegensatz zu uns ja auch richtig produktiv gewesen. Trotzdem schade, dass er nicht dabei war. Uns allen tat es wirklich gut beim Tanzen abzuschalten, und 2:38 trafen mit ihrem „Kaputtmachen“ bei uns voll ins Schwarze.

Samstag, 8. Januar
Tja. Müde, Mistwetter, kein Hallenturnier, kein Internet, was also tun mit dem Tag? Aufs Miniaturwunderland hatte ich keine Lust und habe deshalb erstmal Schlaf nachgeholt. Spätes Mittagessen mit den Anderen im Tandur, anschließend Abhängen und Klönen im Gruppenraum. Mit D. im Viertel frische Luft schnappen und „Locations“ fürs Abendessen checken. Am Abend treffen wir uns alle mit dem MagischenFC auf der Reeperbahn im … (hab den Namen schon wieder vergessen). Die üblichen gruppendynamischen Prozesse führen uns später dann doch nicht ins Hafenklang, statt dessen lässt sich ein Teil der Gruppe nicht von den ganzen toten Tieren in der Haifischbar abschrecken, während wir lieber in den Irish Pub am Fischmarkt gehen. S. und ich sitzen noch beim ersten Bier (N. schon beim 2.), als die Anderen sich uns wieder anschließen und wir pub-typisch (also bei guten Gesprächen und guten Getränken) abhängen und gerade noch rechtzeitig verschwinden, bevor der Alleinunterhalter Didi loslegen kann.
Sonntag, 9. Januar
Auschecken und Brunch im Feuerstein. Der Osnabrücker hat eine wirklich blöde Tätowierung auf dem Unterarm, die so richtig in die Schiene „Kalte Muschi“ und „Susis Showbar“ passt. Die Rückfahrt verläuft ohne Probleme. Natürlich sind wir nach den Ereignissen vom Freitag alle etwas gedrückter Stimmung. Trotzdem war es ein gelungenes Wochenende, was aber nicht zuletzt auch an der Gruppe lag, die da gemeinsam unterwegs war. Danke an uns alle und let’s do it again!
Mary Read
* Mauser/Gips, „Flora bleibt“